Zwei Charaktere: Hambüchen und Andergassen

Der stille Thomas Andergassen und Superstar Fabian Hambüchen
Zwei Lebenswelten in einem Team

Hinter dem Erfolg des 19-jährigen Hessen steht ein Familienunternehmen
 
 Fabian Hambüchen ist das
 Herzstück des deutschen Tur-
 nens. Die anderen aus der
 Männer-Riege haben sich da-
 mit arrangiert, ihren Platz ne-
 ben dem 19-Jährigen gefun-
 den. Sie wissen, dass ihr
 Sport ohne das Familien-Un-
 ternehmen Hambüchen nie
 so weit gekommen wäre.

 STUTTGART. Wir schreiben das
 Jahr 1984. In der schwäbischen Pro-
 vinz lebt ein kleiner Junge, der nicht
 wie andere seines Alters ist. Er geht
 nicht ins Bett, sondern er springt
 mit einem Überschlag hinein. Die-
 ses Talent, findet der Vater, sollte
 man fördern. Und er macht beim
 TSV Oberreitnau eine Gruppe auf,
 damit sein Thomas turnen kann.
 Der schmächtige Junge von einst
 wächst heran, zieht mit 16 Jahren al-
 lein in die große Stadt. Er will die
 Turnwelt erobern, allein der Körper
 spielt nicht immer mit.
   Ortswechsel. Einige Jahre später
 in Hessen. Auch dort gibt es einen
 kleinen Jungen von vier Jahren mit
 einer klobigen Brille auf der Nase,
 der sich per Rückwärtssalto in die
 starken Arme seines Vaters katapul-
 
 tiert. Immer und immer wieder. Es
 ist der Anfang einer wunderbaren
 Geschichte, der Beginn des Fami-
 lien-Unternehmens Hambüchen.
   Ein Urbertrauen verbindet die-
 sen Clan. Vater Wolfgang ist quasi
 von der Wiege an sein Trainer, Mut-
 ter Beate hält die Fäden in der
 Hand, organisiert, wie das in einer
 Familie oft so ist. Onkel Bruno, auch
 ihn kennt man inzwischen, ist der
 Mann für den Kopf, die mentale Be-
 treuung. Beichtvater, Blitzableiter,
 Schlichter zwischen Vater und
 Sohn. "Natürlich gibt es ab und zu
 Streit. Das ist doch normal", sagt Fa-
 bian. Normal zwischen Vater und
 Sohn, normal zischen Trainer und
 Schützling.. Nichts, über was man
 sich Gedanken machen müsste.
   "Wir sind ein Familienbetrieb
 und werden einer bleiben", sagt Fa-
 bian mit einer gehörigen Portion
 Stolz in seiner Stimme. Er ist der
 Star, alles dreht sich um ihn, der Ta-
 gesplan, der Lebensplan einer gan-
 zen Familie. Aber er gibt den ande-
 ren auch etwas zurück  mit seiner
 Leidenschaft und seiner Bereit-
 schaft sich zu schinden.
   "Ich bin ein lustiger Typ, und wir
 sind eine lustige Familie", erzählt
 
 der Abiturient, selbstbewusst und
 beredt wie immer. So wie er bei der
 Eröffnungsfeier von Stuttgart mit e-
 ner Kleinigkeit die Herzen eroberte.
 "Tach erstmal", sprach Fabian ins
 Mikrofon, bevor er während der
 pompösen Feier den formellen Eid
 des Sportlers sprach. Ein kleiner
 Satzt - und schon lagen ihm seine
 Fans wieder zu Füßen. Die Kampf-
 richter gewinnt er mit Eloquenz
 nicht. Sie überzeugt er mit sportli-
 cher Leistung, mit Dynamik, Ele-
 ganz und sauberer Technik, die er in
 den vielen Trainingsstunden mit
 den japanischen Konkurrenten zu-
 letzt verfeinert hat.
   Hambüchens Talen zeigte sich
 früh, und er wurde vorbildlich geför-
 dert, versehen mit einer Rundum-
 versorgung in der heimischen Atmo-
 sphäre, die anfangs von den Oberen
 des deutschen Turner-Bundes kri-
 tisch beäugt, später akzeptiert
 wurde, akzeptiert werden musste.
 Die Familie behütete ihn auch in
 schwierigeren Zeiten, sein Vater
 formte ihn behutsam, nahm auch
 mal das Gas raus, wenn der Sohn zu
 viel wollte. Als nach den Olympi-
 schen Spielen von Athen der "fabi-
 hafte" 16-Jährige auf Wolke sieben
   
 
 zu entschweben drohte, erdete ihn
 die Mutter. "Mich hat damals eben
 einiges gestört", meint Beate Ham-
 büchen. Mehr sagt sie nicht.
   Thomas Andergassen und Fa-
 bian Hambüchen sind nicht zu ver-
 gleichen. Sie haben unterschiedli-
 che Wege in einem schwierigen
 Sport gewählt. "Wie er im Mittel-
 punkt zu stehen, das wäre nichts für
 mich", sagt der Stuttgarter Sportsol-
 dat, der mit seinen 27 Jahren Paten-
 schaften für Nachwuchs-Turner
 übernommen hat. Er ist Vorbild mit
 seiner Leistungsbereitschaft, seiner
 Einstellung und seiner ruhigen Art.
   Thomas Andergassen ist der lo-
 kale, der leise, Held in Stuttgart, Fa-
 bian Hambüchen - das ist eine Ein-
 Mann-Boygroup. Vielleicht kann
 der Schwabe in ein Gerätefinale
 kommen, wenn alles gut läuft. Aber
 niemand erwartet das von ihm. Von
 Hambüchen erwarten alle eine glän-
 zende Show und glänzendes Metall
 am Hals. Vor allem er selbst.
   Heute (19 Uhr) müssen beide zu-
 sammen ran. Es geht um die Qualifi-
 kation, in der nach dem ersten Tag
 China in Führung liegt.
 Ute Gallbronner
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 4. September 2007)