Der Abstieg eines großen Athleten

Wecker versteigert Reck-Gold
Kein Geld, aber mit
Gott auf neuen Wegen
 
 Am Reck war Andreas We-
 cker ein Überflieger. Doch
 knapp zehn Jahre nach sei-
 nem Olympiasieg in Atlanta
 ist der einstige deutsche Aus-
 nahme-Turner tief gefallen.
BERLIN. Er hat auf großem Fuß ge- lebt und sah die Probleme nicht kommen. Nun stekt der inzwischen 36 Jahre alte Andreas Wecker ganz offenbar in großen finanziellen Schwierigkeiten. Sogar seine Gold- medaille hat er im Internet verstei- gert - für 26,37 Euro. Ein mit seiner Ex-Frau Marion in Klein Ziethen vor den Toren Berlins gebautes Haus konnte Wecker nach dem Kariereende 2000 nicht mehr halten, mittlerweile lebt er mit ei- ner neuen Lebensgefährtin und der gemeinsamen Tochter Marie-So- phie in Wandlitz. Seit einigen Monaten schon schwirren in der Hauptstadt Ge- rüchte um einen Offenbarungseid und eine verhängnisvolle Verbin- dung des viermaligen Olympia-Teil- nehmers zu einer christlichen Sekte umher. Nahrung hatten sie vor al- lem am Rande des Deutschen Turn- festes im Mai 2005 erhalten, als We- cker über seine neuen Fähigkeiten als Wunderheiler schwadronierte und Nationalmannschaftsturner per Handauflegen von Verletzun- gen heilen wollte. Nun bekannte sich Andreas We- cker öffentlich zu seinem neuen Le-
 
 ben. Früher sei er ein Mensch voller
 Sünde gewesen, sagte er im Inter-
 view: "Ich war ein Autonarr, jetzt
 brauche ich aber keines mehr. Gott
 hat mir den Weg gezeigt. Heute
 kann ich heilen, indem ich bete."
 Der Verkauf seiner Medaillen habe
 dazu gedient, sich "von allem Bal-
 last meines früheren Lebens zu be-
 freien, das hat mir Gott befohlen".
   Hilfe von außen hat Wecker
 schon während seiner aktiven Zeit
 stets abgelehnt, der Berliner Turner-
 bund und auch der Deutsche Tur-
 ner-Bund (DTB) versuchten mehr-
 fach, dem einstigen Zeitsoldaten be-
 ruflich weiterzuhelfen. "Wir haben
 Andreas immer den Steigbügel ge-
 halten, zuletzt noch in seiner Rolle
 als Turnfestbotschafter. Unsere An-
 gebote sind nie auf fruchtbaren Bo-
 den gefallen. Es ist eine traurige Ent-
 wicklung für einen Athleten, der so
 viele Erfolge für den DTB geholt
 hat", sagt DTB-Sportdirektor Wolf-
 gang Willam.
   Andreas Wecker verkörperte spe-
 ziell am Reck ein Jahrzehnt lang ab-
 solute Weltklasse, war in seinen bes-
 ten Zeiten aber auch ein überragen-
 der Mehrkämpfer. Sein größter Er-
 folg im Kür-Sechskampf war ein drit-
 ter Platz bei den Weltmeisterschaf-
 ten 1993 in Birmingham. Beruflich
 war der nur 1,62 m große Modellath-
 let weit weniger erfolgreich. Wecker
 scheiterte als Anlageberater, Auto-
 verkäufer und Geschäftsführer ei-
 nes Fitness-Centers.  sid
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 18. Januar 2006)