Die WM ist vorbei - Wie geht es weiter?

WM-Erfolg verbindet die Systeme
Nicht jeder ist
ein Hambüchen

Die Olympia-Vorbereitung hat begonnen
 
 Die Turn-WM ist vorbei. "Wir
 werden bald aus den Schlag-
 zeilen verschwinden", stellt
 Sportdirektor Wolfgang Wil-
 lam fest. Nur Fabian Hambü-
 chen wird sein Gold versil-
 bern. Neid löst das nicht aus.
 Das "System Hambüchen"
 und der Verband arbeiten in-
 zwischen Hand in Hand.
STUTTGART Seit gestern läuft im Kunstturn-Forum das Alltagsge- schäft. Michael Breuning, im Schwä- bischen Truner-Bund (STB) für den Spitzensport zuständig, sitzt im Büro und sortiert die Post. Stressig waren die vergangenen Wochen, aber natürlich schön. Beweis für gute Arbeit, die auch in Stuttgart ge- leistet wird. Wenn Breuning die Tür seines Bü- ros aufmacht, kann er den Turnern beim Training zuschauen. Marie Hindermann, Katja Abel, Thomas Andergassen, Marcel Nguyen und Robert Juckel sind spätestens nach der WM hier die Stars. An ihnen kann und soll sich der Nachwuchs orientieren. "Die Konzentration der Mittel funktioniert zunehmend bes- ser", sagt Breuning. Will heißen: Die besten im Land sind in Stuttgart, die regionalen Zentren Ulm, Her- bolzheim und Mannheim/Heidel- berg schaffen den Unterbau. Im Land musste in den vergange- nen Jahren viel investiert werden, auch der STB griff in die Kasse, denn vor allem das Frauen-Turnen war angesichts jahrelanger Misser- folge in der Förderung abgestürzt. "Wir sind in der glücklichen Situa- tion, dass wir bis 2012 Planungssi- cherheit haben. Da sind wir besser gestellt als jedes andere Bundes- land", sagt Breuning. Zudem sind
 
 die Mädchen durch ihre Erfolge im
 Nachwuchs in Baden-Württemberg
 bereits wieder in der obersten För-
 derstufe. Was angesichts der finan-
 ziellen Situation des Landes aber we-
 nig gebracht hat: "Richtig profitiert
 haben wir davon noch nicht."
   Es fehlt vor allem am notwendigs-
 ten, den Trainern. "Wir können
 keine Turnerinnen mehr aufneh-
 men, weil wir das Personal nicht ha-
 ben." Jetzt hofft Breuning, dass die
 Begeisterung der WM hilft, die pro-
 jektbezogene Förderung zu verbes-
 sern. Ganz besonders was die Vorbe-
 reitung auf die Olympischen Spiele
 angeht: "Vielleicht werden wir jetzt
 ein bisschen schneller gehört."
   Das Training für Peking hat in
 Stuttgart längst begonnen. Dabei
 sind sich die Verantwortlichen
 nicht zu stolz etwas anzunehmen,
 das sie nicht selbst erfunden haben.
 So hat vor einiger Zeit die intensive
 biomechanische Betreuung Einzug
 gehalten. Etwas, das Wolfgang Ham-
 büchen seinem Fabian seit der Kind-
 heit angedeihen lässt. Abgeschaut
 in Japan. "Dank der computerge-
 stützten 3D-Videoanalyse hat Ro-
 bert Juckel zum Beispiel seinen
 Sprung-Ablauf völlig verändert",
 sagt Breuning. Mit dem Erfolg, dass
 er den Sprung jetzt steht.
   Eindrucksvoll unter Beweis ge-
 stellt hat Reck-Weltmeister Hambü-
 chen in Stuttgart seine mentale
 Stärke. Keiner kann sich so auf den
 Punkt konzentrieren wie er, Resul-
 tat der intensiven Betreuung seines
 Onkels Bruno von frühester Jugend
 an. Die Stuttgarter arbeiten eben-
 falls mit Psychologen zusammen.
 "Entscheidend ist, was die Athleten
 wollen. Wenn sie sich dafür ent-
 scheiden, können sie bei uns ein
 Athleten-Coaching bekommen",
   
 
 
 sagt Breuning. Das Angebot wird an-          "Nicht jeder ist ein Hambüchen.
 genommen und soll in Zusammen-            Nicht jeder wächst in einem sol-
 arbeit mit dem Olympiastützpunkt,            chen Familien-System auf", meint
 dessen Leiter mit Sylvio Kroll ja                 Breuning: "Aber beide Systeme ha-
 auch ein Turner ist, ebenso wie die           ben sich angenähert und profitie-
 physiotherapeutische Betreuung              ren voneinander. Anders wäre die-
 ausgebaut werden. Das sind die                ser Erfolg nicht möglich gewesen.
 nächsten Schritte, die auf dem Weg          Es macht einfach Spaß, mit diesen
 nach Peking und London anstehen.          Menschen zu arbeiten."   Ute Gallbronner
  
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 11. September 2007)