Qualifikationswettkampf für die WM-Finals der Frauen in Stuttgart

Qualifikationswettkampf der deutschen Frauen zum Auftakt der WM nicht optimal - Hindermann, Brinker und Chusovitina haben Finalchancen
30 Stunden Hoffen, Bangen und Zittern
 
 Stuttgart. Die deutschen Frauen ha-
 ben bei der WM ordentlich geturnt
 - und müssen nun warten, warten,
 warten. Erst heute Abend steht
 fest, ob sie bei Olympia dabei sind.
Das große Warten begann gestern um kurz vor halb vier. 30 Stunden zwischen Hoffen, Bangen, Zittern und Nichtwissen, ob die Olympia-Qualifikation geschafft ist oder nicht. Eine echte Nervenprobe. Was man so macht, um diese Zeit unbeschadet zu über- stehen? "Alles, nur nicht allein sein", sagte Katja Abel und sprach damit wohl für die gesamte deutsche Turnmannschaft - was als Mannschaftssprecherin ja ihr Job ist. Die deutschen Turnerinnen haben den WM-Qualifikationswettkampf gestern in der Schleyerhalle mit Anstand über die Runden gebracht und 231,125 Punkte erreicht - was zunächst einmal die wichtigsten Fakten sind. Aber dann wird's schon schwammig: Mit der erreichten Punktzahl rangiert die Riege des Deutschen Turnerbundes (DTB) zur Zeit auf Platz fünf, nun kommt es darauf an, von wie vielen Teams sie bis Wettkampfende heute Abend (21.30 Uhr) noch überholt wird. Für die Olympia-Qualifi- kation ist Platz zwölf nötig, und mit ganz hoher Wahrscheinlichkeit werden noch min- destens drei Riegen (Russland, USA und Australien) vorbeiziehen. Der Rest ist Rech- nen mit zu vielen Unbekannten... Wer sehen wollte, wie sich das Team in dieser Lage fühlt, musste nur der deutschen Cheftrainerin Ulla Koch ins Gesicht schauen. "Mit der Punktzahl bin ich schon zufrieden", sagte sie, "aber wer weiß, viel- leicht wachsen ja alle unsere Konkurrenten über sich hinaus." Ja, wer weiß? Also ging die Trainerin lieber dazu über, den Wett- kampf zu analysieren. "Die Jungen haben es heute herausgerissen", sagte Ulla Koch, die mit den ersten beiden Geräten nicht zufrie- den sein konnte. Am Stufenbarren hatten außer Marie-Sophie Hindermann und Anja Brinker alle Turnerinnen kleine Hänger, die routinierte Oksana Chusovitina stürzte so- gar ganz vom Gerät. "Auch sie ist nervös, trotz ihrer 32 Jahre", sagte die Cheftraine- rin.
 
    Der Tiefpunkt freilich war erreicht, als am
 Schwebebalken die ersten drei Turnerinnen
 (Joseline Möbius, Hindermann, Chusovitina)
 ebenfalls abstürzten, und bei den Balken-
 Übungen von Katja Abel und Anja Brinker
 so richtig gezittert werden durfte. "Wir
 waren geschockt und überrascht zugleich,
 weil in der Vorbereitung alles so gut gelau-
 fen ist", sagte Marie-Sophie Hindermann,
 die Tübingerin. Offenbar hat die aufmun-
 ternde Ansprache des Trainerteams dann
 gewirkt: Am Boden und beim Sprung "ha-
  
 
 ben wir nochmal die Sau rausgelassen"
 (Brinker) und "die Halle gerockt" (Hinder-
 mann). Das klang schon besser, war aber
 gewiss ein wenig übertrieben. Am Boden
 turnten die ersten vier Deutschen immerhin
 so gut, dass die an einer Rückenmuskelver-
 härtung leidende Oksana Chusovitina gar
 nicht mehr auf die Fläche musste. Ulla Koch
 war realistischer: "Ich habe mich geärgert,
 dass uns die Ukraine kurz vor Schluss doch
 noch überholt hat."
   Dennoch hatten vor allem Marie-Sophie
  
 
 Hindermann und Anja Brinker allen Grund,
 zufrieden zu sein: In der Mehrkampf-Einzel-
 wertung ragieren die beiden 16-Jährigen
 nach vier von zehn Durchgängen auf den
 Plätzen sechs und sieben mit den besten
 Aussichten, das am Freitag stattfindende
 Mehrkampffinale zu erreichen. "Ehrlich ge-
 sagt habe ich mir darüber noch gar keine
 Gedanken gemacht", sagte Marie-Sophie
 Hindermann, die ein wenig glücklich darü-
 ber war, dass ihre zwei Stürze vom Schwe-
 bebalken vielleicht ohne Folgen bleiben.
  
 
   Die ganze Unsicherheit konnte nicht darü-
 ber hinwegtäuschen, dass das deutsche
 Traumduett dieser WM schon am ersten
 Tag gefunden war: Die 1,68 Meter große
 Marie-Sophie Hindermann, die schon als
 "deutsche Chorkina" bezeichnet worden ist,
 und die 1,52 Meter kleine Anja Brinker, die
 so nervenstark ihre Übungen auf die Matte
 gezaubert hatte. "Wir sind im Team die
 besten Freundinnen", sagte Anja Brinker,
 die Gymnasiastin aus Herkenrath. Wie es
 sich für Freundinnen gehört, teilen sich die
 
 
 Turnerinnen währen der WM das Hotel-
 zimmer und hängen auch sonst ziemlich oft
 zusammen. Jetzt können sie sich gemein-
 sam mental auf das Mehrkampffinale vorbe-
 reiten.
   Die optimale Bilanz heute Abend könnte
 also so aussehen: Die Mannschaft bei Olym-
 pia, Hindermann und Brinker im Mehr-
 kampf-, Chusovitina im Sprungfinale.
 Könnte. "Ich glaube", sagte Marie-Sophie
 Hindermann, "das werden die schlimmsten
 30 Stunden meines Lebens."  Jürgen Roos
  
(Auszug: Sonntag Aktuell - Ausgabe vom 2. September 2007)