Turnen: Gewinn oder Gefahr für die körperliche Gesundheit?

Wenn Kinder für den Sport nicht geschaffen sind, zieht der Arzt die Notbremse
Der Körper im Grenzbereich

Rainer Eckhardt kennt die Gefahren - Umfeld muss Verantwortung übernehmen
 
 Turnen ist gesund. Es sorgt
 für die ideale motorische
 Grundausbildung, gibt dem
 kindlichen Körper Substanz,
 von der er lange zehren kann.
 Was aber ist mit dem Leis-
 tungssport? Rainer Eckhardt,
 Arzt des deutschen Frauen-
 teams hat keine Bedenken -
 bei richtiger Betreuung.
STUTTGART Eine Serie von Verlet- zungen hat bei der WM in Stuttgart für Aufsehen gesorgt. Der Kanadier Kyle Shewfelt brach sich beide Schienbeinköpfe, Anton Golosuts- kov den Mittelfuß und bei seinem russischen Landsmann Nikolaj Krju- kow hielten die Bänder nicht stand. Vor allem Männder hat es erwischt, die offenbar mehr als Frauen dazu neigen in ihre Üungen immer neue Höchstschwierigkeiten zu pa- cken. Die neuen Wertungsrichtli- nien belohnen dies - sofern kein Fehler passiert. "Alles, was den Menschen an seine Leistungsfähigkeit bringt, birgt die Gefahr, dass er irgend- wann darüber hinausgeht", sagt D. Rainer Eckhardt, ärztlicher Direktor der Rehaklinik am RKU in Ulm, aus- gebildeter Sportlehrer, und seit 1995 Arzt der deutschen Turnerin- nen. Dass Hochleistungsturnen sich im Grenzbereich dessen be- wegt, was ein menschlicher Körper auszuhalten vermag, das bezweifelt er nicht. Zumal wenn zur körperli- chen Belastung der extreme Stress kommt, den ein solch wichtiger Wettkampf mit sich bringt. Trotzdem sieht Eckhardt die Hauptgefahr nicht in akuten, son- dern in Verletzungen, die sich lang- sam über Jahre einschleichen. Ganz besonders bei den Mädchen, die in sehr jungen Jahren ihren Leistungs- höhepunkt erreichen. Dem begeg- net der Deutsche Turner-Bund mit einem Untersuchungs-Programm, an dem alle Kader-Athletinnen teil-
 
 nehmen müssen.
   Einmal im Jahr ist die Fahrt nach
 Frankfurt fällig, auch schon für die
 kleinen Zwölfjährigen. Dort werden
 sie von Kopf bis Fuß durchgecheckt.
 "Wer den Stempel in den Gesund-
 heitspass nicht bekommt, der darf
 bei keinem offiziellen Wettkampf
 starten", erklärt Eckhardt. Er ist rigo-
 ros, kennt kein Pardon. Wenn er
 nein sagt, hilft kein Bitten und kein
 Betteln, erst Recht keine überehrgei-
 zigen Eltern. "Es hat schon viele Trä-
 nen und einige harte Diskussionen
 gegeben", sagt der 54-Jährige.
   Besonderes Augenmerk widmen
 die Mediziner der Wirbelsäule.
 Wenn sich Schäden anbahnen, wird
 die Turnerin aus dem Training ge-
 nommen und bekommt über Mo-
 nate ein spezielles Programm. Zeigt
 sich keine Besserung, ist die Kar-
 riere vorbei. Manche Kinder haben
 auch eine genetisch bedingte
 Schwachstelle, sind gerade deshalb
 besonders beweglich und fallen bei
 Sichtungen dadurch positiv auf.
   "Diese Kinder müssen wir fin-
 den, denn ihr Körper ist für den Leis-
 tungssport nicht geschaffen", sagt
 Eckhardt. Ihm ist es wichtig, dass
 Kinder, deren körperliche Vorausset-
 zungen nicht stimmen, rechtzeitig
 davon erfahren - bevor sie, viel-
 leicht sogar die ganze Familie, ihr
 Laben auf den Sport ausrichten.
   Das System des DTB ist aufwän-
 dig, es kostet Geld. So etwas leistet
 sich kaum eine andere Nation. "Was
 die medizinische Betreuung an-
 geht, sind wir führen", sagt Eck-
 hardt, der einst selbst bei der Sieger-
 länder KTV in der Bundesliga
 turnte. Deshalb suchen auch an-
 dere bei ihm Rat, zu den Rumänen
 hat er besonders guten Kontakt. Ste-
 liana Nistor wurde in Ulm behan-
 delt, bekam ein Aufbauprogramm.
 Gestern stand sie im Bronze-Team.
   Wer Sport betreibt, ist vor Verlet-
 zungen nicht sicher. Aber in seiner
 Arbeit sieht Eckhardt jeden Tag, was
 
 
 
 fehlende Bewegung auslöst. "Es ist
 erschreckend, wie viele Jugendliche
 große koordinative Schwierigkeiten
 haben." Dazu kommen die rund 1,9
 Millionen jungen Deutschen, die zu
 viel Gewicht rumschleppen. Kinder,
 die regelmäßig turnen, profitieren
 von dieser frühen Ausbildung dage-
 gen ein Leben lang.
   Wer Turnen leistungsmäßig be-
 treibt, gewinnt mehr als er verliert.
 Davon ist Eckhardt überzeugt. Das
 fängt an bei einer größeren Kno-
 chenmasse und kräftigere Sehnen,
 zudem werden Kraft, Koordination
 und Mut gefördert. "Aber wir alle
 wissen, dass Turnen ein Risiko
 birgt." Gefragt sind Trainer und Be-
 treuer, die dem Sportler helfen müs-
 sen, damit er die Grenze nicht über-
 schreitet. Die Grenze, die der Geist
 nicht mehr erkennt, und deshalb
 dem Körper die falschen Befehle
 gibt. Dann ist Turnen gefährlich.
  Ute Gallbronner
  
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 6. September 2007)