Die deutschen Turnerinnen haben sich das Olympia-Ticket gesichert

Deutsche Turnerinnen haben bei der WM das Olympia-Ticket gesichert
Nach 29 Stunden ist alles gut

Langes Warten nach unsicherem Wettkampf - Hindermann und Brinker im Finale
 
 Gestern um 19.40 Uhr war es
 klar: Die deutschen Turnerin-
 nen haben als Zehnte der
 WM in Stuttgart zwar das Fi-
 nale verpasst, aber das Olym-
 pia-Ticket gelöst. Nach ei-
 nem durchwachsenen Wett-
 kampf und 29 Stunden ban-
 gen Wartens lagen sie sich
 überglücklich in den Armen.
STUTTGART Sprachlos, glücklich waren die deutschen Turnerinnen, nachdem sie wussten, dass sie 2008 in Peking bei den Olympischen Spie- len turnen dürfen. "Ich muss das erst verarbeiten", sagte Katja Abel, sonst mit einer Berliner Schnauze gesegnet. Zu schwer hatte die Unge- wissheit nach einem nicht fehlerlo- sen Wettkampf am Samstag Nach- mittag auf den Damen gelastet. "Erst konnte ich nicht einschla- fen, dann bin ich immer wieder wach geworden. Um halb sieben sind wir dann aufgestanden", be- schrieb Anja Brinker die unruhige Nacht im Zimmer mit Marie-Sophie Hinermann. Die beiden 16-Jähri- gen hatten zuvor die Kohlen aus dem Feuer geholt. Mit ihrer Nerven- stärke bogen sie einen schon nach drei Übungen verloren geglaubten
 
 Wettkampf um. Katja Abel hatte als
 erste Starterin gezittert, Oksana
 Chussowitina und Stufenbarren-
 Spezialistin Jenny Brunner waren
 gefallen. Das Gesicht von Cheftrai-
 nerin Ulla Koch war kreidebleich,
 während Jenny Brunner hemmungs-
 los in ihren Armen schluchzte. Und
 Marie Hindermann? Die trat ans Ge-
 rät - und lächelte. "Wer Marie beim
 Einturnen gesehen hat, der dachte
 oh Gott. Ich habe sie gesehen. Es
 war furchtbar", meinte Ulla Koch in
 Erinnerung an diese Sekunden.
   "Ich hab' gewusst, dass ich es
 kann", entgegnete die Tübingerin
 achselzuckend. Sie legte mit 15,75
 Punkten den Grundstein für ihren
 Einzug ins Mehrkampffinale der
 besten 24 Turnerinnen, ebenso wie
 nach ihr Anja Brinker. Die ließ sich
 nicht einmal dadurch aus der Ruhe
 bringen, dass die Trainer vergessen
 hatten, den Barren auf die richtige
 Weite zu stellen. Sie kurbelte kurz,
 konzentrierte sich wieder und
 machte ihre Übung (15,500).
   Aber das deutsche Team war da-
 mit noch nicht wieder im Rennen,
 denn am Balken stürzten Hinder-
 mann, Chussowitina und Joeline
 Möbius. Erst am Boden lief alles
 nach Plan, Ulla Koch verzichtete
 
 
 deshalb auf den Einsatz der ange-
 schlagenen Oksana Chussowitina,
 die sich dafür mit zwei erstklassigen
 Sätzen ins Sprungfinale katapul-
 tierte. 231,125 Punkte standen am
 Ende für die Deutschen zu Buche,
 Platz fünf nach dem ersten Tag.
   Die Chancen den zwölften Platz
 und die damit verbundene Olym-
 pia-Qualifikation zu schaffen, sie
 standen bestenfalls bei 50:50. "An
 diesem Abend hab' ich zum ersten
 Mal seit langem gezweifelt", ge-
 stand Ulla Koch, während Katja
 Abel überlegte, ob der Heimvorteil
 nun einer war oder nicht: "Als wir in
 die Halle gekommen sind, hab' ich
 gedacht: Pack deine Sachen und
 geh' in Rente."
   Gestern hieß es also Warten, was
 die anderen Riegen machen. "Das
 wird die schlimmste Zeit meines Le-
 bens", stöhnte Katja Abel. Aber
 schon zur Mittagszeit gab es Hoff-
 nung. "Ja", rief Anja Brinker spon-
 tan, als sich die Nachricht herum-
 sprach, dass Spanien und Austra-
 lien verturnt hatten.
    Während die US-Mädchen einen
 überragenden Wettkampf abliefer-
 ten, strauchelten Nordkorea, Japan,
 die Niederlande. Die lange Durst-
 
 
 strecke schien zu Ende zu gehen.
 1992 turnten deutsche Frauen letzt-
 mals um Olympische Ehren - die
 Chemnitzerin Joeline Möbius
 wurde wenige Tage nach den Spie-
 len von Barcelona geboren.
   Wer nicht zu den Spielen fährt,
 bekommt weniger Geld, kaum Spon-
 soren. Darüber machen sich Funk-
 tionäre Gedanken, die Mädchen
 nicht. "Ich turne, weil es mir Spaß
 macht", sagte Joeline Möbius und
 zuckt mit den Schultern, als ob es
 keine anderen Anreize gäbe. Ihre
 Kolleginnen nicken zustimmend.
 "Obwohl, in meine Klasse gehen ja
 auch die VfB-Fußballer. Wenn einer
 mit 16 Jahren 6000 Euro verdient,
 denkt man sich schon seinen Teil",
 wirft Marie Hindermann ein. Aber
 eigentlich fühle sie sich wohl in ih-
 rem Sport. Richtig wohl sogar.
   Noch mehr seit gestern. Denn die
 Tübingerin steht auch im Barren-Fi-
 nale und ist drauf und dran zumin-
 dest die deutsche Turn-Welt zu er-
 obern. Erfrischend offen, ehrlich,
 mit guten Sprüchen zur rechten
 Zeit. So wie einst Fabian Hambü-
 chen in Athen. Nur dass Marie-So-
 phie Hindermann schon jetzt fünf
 Zentimeter größer ist. Ute Gallbronner
  
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 3. September 2007)