Läuft Marie-Sophie Hindermann Oksana Tschussowitina den Rang ab?

Oksana Tschussowitina von Marie Hindermann verdrängt
Traurig inmitten des kollektiven Glücks
 
 Von einer Wachablösung will
 bei den deutschen Turnerin-
 nen keiner reden. Doch die
 WM in Stuttgart hat die neue
 Generation schneller an die
 Spitze gebracht als geplant.
STUTTGART Oksana Tschussowitina verlässt die Schleyerhalle. An der Hand Sohn Alisher. Sie beugt sich zu ihm hinunter, er flüstert ihr et- was ins Ohr. Da huscht ein Lächeln über das blasse Gesicht der 32-Jähri- gen. Fast scheint es, als wolle der Sie- benjährige die Mama nach ihrem Sturz im Sprungfinale trösten. Einige Meter weiter steht zur glei- chen Zeit Marie Hindermann im gleißenden Licht der Fernseh-Kame- ras. Sie ist gerade Fünfte im Stufen- barren-Finale geworden, bejubelt von 8000 Fans. "Vor so vielen Leu- ten hab' ich noch nie geturnt. Die ganze WM, das alles war einfach überwältigend", sagt die 16-Jährige. Bei der Junioren-EM 2006 war Marie Hindermanns Stern aufgegan- gen. Oksana Tschussowitina bekam da- mals gerade ihren deutschen Pass. Als ihr Sohn 2002 an Leukämie er-
 
 krankt war, zog die gebürtige Usbe-
 kin ganz nach Köln, wo sie für den
 Bundesligisten Toyota turnte. Dank
 einer Hilfsaktion der Kölner konnte
 Alisher geholfen werden. Heute ist
 er gesund, aber die Familie ist ge-
 blieben, damit Oksana mit dem
 Sport Geld verdienen kann.
   Für die deutsche Riege war Ok-
 sana Tschussowitina ein Glücksfall. Sie
 hat mit ihren Erfolgen den Druck ge-
 nommen. Sie hat ihre Erfahrung an
 die Mädchen weitergegeben, die
 zum Großteil noch in die Windeln
 gemacht haben, als sie schon in der
 Weltelite turnte. Aber die Führungs-
 rolle nach außen wollte sie nicht.
 Die hat Katja Abel übernommen,
 sportlich sind in Stuttgart Maire
 Hindermann und die gleichaltrige
 Anja Brinker vorbeigezogen.
   "Wenn die Mädchen Oksana
 schlagen können, dann sollen sie
 das tun. Aber von einer Wachablö-
 sung will ich nicht reden", sagte
 Cheftrainerin Ulla Koch. Man dürfe
 nicht vergessen, dass Oksana Tschu-
 ssowitina körperlich nicht auf der
 Höhe war. Eine hartnäckige Rücken-
 verletzung machte ihr zu schaffen.
 
 
   Trotzdem erreichte sie das
 Sprungfinale, konzentrierte sich
 voll auf die wenigen Sekunden. Oft
 hatten sie den Erfolg gebracht, die-
 ses Mal nicht - sie landete auf den
 Knien. "Ich bin zu schnell angelau-
 fen", stellte Oksana Tschussowitina
 fest. Ein Fehler, der ihr nicht passie-
 ren sollte. Aber auch die 32-Jährige
 war von der Kulisse beeindruckt:
 "Ich habe sie noch nie so nervös ge-
 sehen. Sie wollte so viel geben, und
 hat einen Tick zu viel getan", sagte
 Trainerin Shanna Poljakova.
   Oksana Tschussowitina versuchte ih-
 ren Schmerz zu verbergen. Als sie
 sich wieder gefasst hatte, kam der
 Kampfgeist zurück: "Ich habe
 schon angefangen mit der Vorberei-
 tung auf die Olympischen Spiele.
 Mein Ziel ist eine Medaille."
   Marie Hindermann hat das glei-
 che Ziel. Als deutsche Vorturnerin
 sieht sie sich aber nicht: "Ich habe
 nicht das Gefühl, dass ich das bin.
 Drum belastet mich das nicht." Sie
 will noch besser werden, Oksana
 Tschussowitina will zurückkommen.
 Gute Aussichten für Peking 2008.
  Ute Gallbronner
  
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 10. September 2007)