Marie-Sophie Hindermann und die WM

Marie-Sophie Hindermann startet heute bei der WM
"Tiger" auf dem Sprung

16-jährige Tübingerin als deutsche Hoffnungsträgerin
 
 Bei der Heim-WM in Stutt-
 gart wollen die deutschen
 Turnerinnen erstmals seit
 1992 wieder ein Olympia-Ti-
 cket lösen. Wenn sie heute
 um 14 Uhr an die Geräte tre-
 ten, zählt die 16-jährige Tü-
 bingerin Marie-Sophie Hin-
 dermann zu den großen Hoff-
 nungsträgerinnen.
STUTTGART Es soll Leute geben in Tübingen, die nicht so genau sa- gen können, ob Marie-Sophie Hin- dermann erst sprechen oder erst tur- nen gelernt hat. Denn von klein auf war sie in der Halle. Kein Wunder, bei der elterlichen Vorgabe: Vater Thomas war deutscher Meister im turnerischen Zehnkampf und ging für den Zweitligisten KTV Hohen- lohe an die Geräte, Mutter Marie- Luise war württembergische Meiste- rin im Jahn-Neunkampf und da- nach Trainerin. Jetzt ist Marie-Sohpie Hinder- mann groß, für eine Turnerin mit ih- ren 1,70 Metern sogar sehr groß. Ein körperlicher Vorzug, der ihrer Kür an Boden und Stufenbarren enorme Ausdrucksstärke und Ele- ganz verleiht. "Dadurch ist sie ganz wichtig für unser Team", sagt Bun-
 
 destrainerin Ulla Koch. Manchmal
 wird die Tübingerin sogar mit der
 russischen Diva Swetlana Chorkina
 verglichen, die mit ihren 1,64 Me-
 tern bis zu ihrem Rücktritt 2004
 zehn Jahre lang dominierend war.
   Vor einem Jahr hat Hindermann
 dem nun wirklich nicht verwöhn-
 ten deutschen Verband bei der Ju-
 nioren-EM im griechischen Volos ei-
 nen überwältigenden Medaillense-
 gen beschert: Silber beim Sprung, je-
 weils Bronze mit dem Team, im
 Mehrkampf und am Stufenbarren,
 ihrem Lieblingsgerät.
   Die Größe hat aber nicht nur Vor-
 teile für die Nachwuchshoffnung:
 Bestimmte Elemente, wie schnelle
 Rotationen, kann sie gar nicht tur-
 nen. Außerdem ist aufgrund ihres
 Gewichts die Verletzungsgefahr
 groß. Im Februar musste sie wegen
 eines Überbelastungssyndroms am
 Fuß lange pausieren, durfte erst
 langsam wieder einsteigen - und
 das mitten in der WM-Vorberei-
 tung. "Es war richtig blöd, zu sehen,
 wie die anderen weiterkommen,
 während ich wie auf heißen Kohlen
 saß und nur langweilige Sachen ma-
 chen konnte", erinnert sie sich. Im
 Juli meldete sich Hindermann ein-
 drucksvoll zurück: Beim Länder-
 
 
 kampf gegen Spanien bescheinigte
 ihr Ulla Koch einen fast perfekten
 Wettkampf, der sie an die Form der
 Junioren-EM erinnerte.
   Träumt die Turnerin da vielleicht
 schon von der Qualifikation für ein
 Gerätefinale bei dieser WM? Die
 spontane Reaktion der Schülerin
 am Untertürkheimer Wirtemberg-
 Gymnasium, einer Partnerschule
 des Sports: "Quatsch! Für mich
 zählt nur die Qualifikation für die
 Olympischen Spiele."
   Peking - das wäre das große
 Ding. Dafür müssen die deutschen
 Frauen mindestens Platz zwölf bele-
 gen. Beim Podiumstraining ist alles
 bestens gelaufen, berichtet Hinder-
 mann. Und da haben auch schon
 die Wertungsrichter zugeschaut.
 Groß unter Druck setzen will sich
 die Tübingerin nicht. "Das ist doch
 meine erste WM, da habe ich noch
 einen Bonus", sagt Hindermann,
 die von ihrer turnbegeisterten Fami-
 lie "Tiger" genannt wird, weil sie frü-
 her ein Faible für die Janosch-Kin-
 derbücher hatte. Und dann soll in
 Stuttgart auch der Spaß am Turnen
 nicht zu kurz kommen. "Ich will die
 WM genießen. So ein Ereignis di-
 rekt vor der Haustür werde ich doch
 nicht mehr erleben", sagt Marie-So-
 phie Hindermann.
  
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 1. September 2007)