Fabian Hambüchen und die Schattenmänner

Beim DTB-Pokal turnen sich die anderen Deutschen ins Licht - zumindest ein bisschen
Fabian Hambüchen und die Schattenmänner
 
 STUTTGART. Wenn die Zahl jugendlicher Auto-
 grammjäger Auskunft gibt über den Star-
 Status eines Sportlers, dann waren die Ge-
 wichte in der Stuttgarter Schleyerhalle ein-
 deutig verteilt. Zunächst. Als der 17-jährige
 Fabian Hambüchen am Qualifikationstag
 seinen Sprung absolviert hatte, ergossen
 sich wahre Ströme von Teenagern in Rich-
 tung des Turners - und die Ordner hatten
 Mühe, die jugendliche Masse zurückzuhal-
 ten. Eine Abstimmung mit Füßen - und
 Filzstiften. Knapp eineinhalb Stunden spä-
 ter sah die Turnwelt allerdings ein bisschen
 anders aus: Während Europameister Ham-
 büchen die Rechstange und damit das Fi-
 nale an seinem Spezialgerät verpasst hatte,
 gab Thomas Andergassen noch lang Auto-
 gramme. Der Stuttgarter hatte das Weltcup-
 Finale am Barren und den Ringen erreicht
 und war nach Finalplätzen gerechnet der
 erfolgreichste deutsche Teilnehmer. Und Fa-
 bian Hambüchen? Hatte ziemlich zornig die
 Halle verlassen. Wort- und autogrammlos.
   Diese kurze Geschichte beweist zwei
 Dinge, die berühigen. Erstens: Fabian Ham-
 büchen ist auch nur ein Mensch. Zweitens:
 Das deutsche Männerturnen lebt - auch im
 Schatten des 1,63 Meter kleinen Stars. Ob
 der weniger optimale Hambüchen-Auftritt
 in Stuttgart Schaden hinterlässt? Eher nicht.
 
Der Reck-Europameister bleibt das Gesicht
des Turnens. Er genießt einen Sonderstatus
- dank seiner tragenden Rolle im Familien-
unternehmen Hambüchen, dank zweier lu-
krativer Werbeverträge, dank seiner sportl-
ichen Erfolge. Aber weil Hambüchen in
Stuttgart schlecht abschnitt, durften endlich
mal zwei wichtige Fragen gestellt werden.
Wer sind die Turner hinter Hambüchen?
Und: Wie ist das Verhältnis zwischen dem
Star und seinen Schattenmännern?
   Thomas Andergassen , Robert Juckel (Cott-
bus), Matthias Fahrig (Halle) und Eugen
Spiridonov (Bous), die in Stuttgart allesamt
in einem Finale standen und zur Weltmeis-
terschaft im November nach Melbourne
fliegen, haben die Fragen natürlich schon
öfter gehört. Weshalb die Antworten ähn-
lich klingen. "Ich habe mit ihm kein Pro-
blem", sagt Thomas Andergassen. "Er ist ein
Vorbild für mich", sagt Eugen Spiridonov.
"Fakt ist, dass Fabi das Turnen wieder
belebt hat", sagt Robert Juckel. Allein Mat-
thias Fahrig lässt mit seiner Antwort erah-
nen, dass die Frage nach dem Verhältnis
zwischen Fabi und dem Rest manchmal
heikel ist: "Uns anderen tut es gut, dass wir
hier mal ein bisschen aus dem Schatten
getreten sind." Offenbar hatte es nach den
Olympischen Spielen 2004 in Athen Irritatio-
 
 nen darüber gegeben, warum ausgerechnet
 der Siebte im olympischen Reckfinale aus
 einer Riege der Namenlosen in den Himmel
 der Sportstars geschossen ist - und andere
 am Boden bleiben mussten.
 Der deutsche Chef-Bundestrainer Andreas
 Hirsch glaub, dass die Probleme gelöst
 sind. "Wer mit der jetzigen Situation ein
 Problem hat, hat missverstanden, wie diese
 Gesellschaft funktioniert",sagt er, "und die
 werden wir nicht umkrempeln." Große
 Worte, die ausdrücken wollen: Hambüchen
 war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, hat
 auf den Punkt Leistung gebracht und sein
 Umfeld hat die richtigen Schlüsse gezogen.
 "Jeder andere hätte die gleiche Chance
 gehabt", sagt Hirsch, "de facto war es aber
 immer Fabian, der die Big Points gemacht
 hat." Bei Olympia 2004, als er zwölf Millio-
 nen Menschen vor den Fernsehern faszi-
 nierte. Im Muni 2005, als er bei der Europa-
 meisterschaft am Reck die Nerven bewahrte
 und den Titel gewann.
 Thomas Andergassen, der im Juni bei den
 Europameisterschaften Vierter am Barren
 geworden und jetzt beim DTB-Pokal als
 Lokalmatador eine Art Ersatzmann für Ham-
 büchen war, kann mir seiner Rolle im
 Hintergrund leben. Weiler sich ausführlich
 Gedanken gemacht hat. "Man darf nicht
   
 
vergessen, welchen Trubel und welchen
Druck der Fabi jetzt hat", sagt der 25-Jäh-
rige, "ich wüsste nicht, ob ich das aushalten
würde." Manchmal, das lässt Andergassen
durchblicken, hat es auch Vorteile, wenn
ein Frontmann das Interesse auf sich zieht.
Er hat die düsteren Jahre des deutschen
Männerturnens miterlebt und ist jetzt froh,
manchmal aus der Schusslinie zu sein.
   In der Sportart, in der es so auf Spannung
ankommt, machen die Beteiligten nach ei-
nem aufregenden Jahr einen entspannten
Eindruck. "Fabian ist in exponierter Posi-
tion, und man muss nicht so tun, als ob es
nicht so wäre", sagt Andreas Hirsch. Die
Vorturnerrolle Hambüchens ist akzeptiert,
und der Cheftrainer hofft, dass sich die
anderen an dessen Beispiel hochziehen.
Dass alle Deutschen beim Stuttgarter Welt-
cup ein Finale erreicht haben, ist ein Anfang
- auch wenn der Coach die übergroße
Nervosität seiner Athleten kritisierte. Dass
sie viel positiver denken, sollte Hirsch Mut
machen. Robert Juckel hofft auf eine "Ket-
tenreaktion", die dem Turnen aus dem Tief
heraushilft. Und Matthias Fahrig sieht in
Fabian Hambüchen sogar "ein Zugpferd,
das wie beim Skispringen Sven Hannawald
und Martin Schmitt auch die anderen popu-
lär machen könnte."    Jürgen Roos
(Auszug: Sonntag Aktuell - Ausgabe vom 23. Oktober 2005)