Fabian Hambüchen gewinnt Mehrkampf-Silber

Nur Chinese Yang Wei kann den 19-jährigen Deutschen bezwingen
Fabian Hambüchen fliegt zu Silber

Tausende jubeln auf dem Stuttgarter Schlossplatz
 
 Die Turn-Show von Stuttgart
 geht weiter, und sie erobert
 die Stadt. Tausende kamen
 gestern auf den Schlossplatz,
 um Fabian Hambüchen zu be-
 jubeln. Nervenstark hatte
 sich der 19-Jährige zuvor mit
 einer fehlerfreien Reckkür
 vom sechsten auf den zwei-
 ten Platz katapultiert.
STUTTGART.
Manager Klaus Kär- cher herzt Mama Hambüchen, Freundin Viktoria strahlt in die Ka- meras und Vater Wolfgang Hambü- chen klatscht seinen Sohn ab. Mit ei- ner begeisternden Reckkür hat Fa- bian soeben in der Schleyerhalle den Mehrkampf beendet. Die Pro- duktion der Turn-Firma Hambü- chen ist gesichert, sie läuft weiter auf Hochtouren: Auf Bronze mit der Mannschaft, folgte Silber im Mehr- kampf. Fabian ist und bleibt der Vor- turner der Nation, und gestern hatte er die jubelnde Menge ganz für sich allein. Zu Beginn schien es, als sei die neue Turn-Euphorie schon wieder vorbei. Wenn 24 Sportler an sechs verschiedenen Geräten turnen, muss der Wettbewerb zwischen- durch notgetrungen verflachen. Zu- mal wenn die heimischen Stars nur langsam auf Touren kommen. Phillip Boy war die Belastung, den dritten Sechskampf innerhalb von nur vier Tagen durchstehen zu müssen, deutlich anzumerken. Ihm fehlte die Kraft, er musst Schwierig- keiten streichen. Am Ende wurde er 18. mit 88,650 Punkten. Auf- munternder Applaus machte dem jungen Mann aus Cottbus Mut, aber vielmehr als ein kleines Lächeln nach einer schönen Reckkür war ihm nicht zu entlocken: "Das war nicht mein Wettkampf." Zur Halbzeit machte sich Unruhe in der gut gefüllten Schleyerhalle breit. Boy auf Rang 22, Hambüchen
 
  sogar noch dahinter auf dem vor-
 letzten Platz. Sollte das Turn-Mär-
 chen etwa zu Ende sein, nachdem
 es gerade so schön war? Weit ge-
 fehlt. Denn Hambüchen lieferte die
 Show, die sich alle von ihm erhofft
 hatten. Im Wissen mit Boden, Pau-
 schenpferd und Ringen seine
 schwächsten Geräte hinter sich zu
 haben, machte er sich an die Aufhol-
 jagd. Endlich kam Spannung auf.
   Am Barren verabschiedete sich
 Maxim Deviatkowski, der in der
 zweiten Gruppe turnte. Sturz, Fuß-
 verletzung, der Wettkampf war vor-
 bei. Hambüchen zauberte nebenan
 seinen Jurtschenko mit zweieinhalb
 Schrauben über den Sprungtisch in
 den Stand. 16,300 Punkte, die dritt-
 beste Wertung des Tages.
   Wechsel der Top-Riege an den
 Barren. Der 19-Jährige turnt sauber,
 rückt weiter vor und versetzt die
 Fans in Verzücken: Ihr "Fabi" auf
  
 
 Rang sechs, nur noch 0,4 Punkte
 von Silber entfernt. Die Entschei-
 dung über die Medaillen, sie musste
 am Königsgerät fallen - so will es
 die olympische Reihenfolge der Ge-
 räte. Und oben in der Luft, da ist
 Hambüchen die Nummer eins.
   Traumhaft sicher jeder Griff,
 traumhaft schön jeder Flieger,
 traumhaft perfekt der Abgang. Die
 schwerste aller Reck-Übungen
 wurde mit 16,060 Punkten belohnt.
 Der Zweitbeste war der Japaner Hi-
 sashi Mizutori mit gerade mal
 14,950 Zählern. An ihm zog Hambü-
 chen ebenso vorbei wie an Kim Dae
 Eun (Korea) und Flavius Koczi (Ru-
 mänien). Bronze vor den letzten bei-
 den Startern.
   Hiroyuki Tomita ist der einzige,
 der an guten Tagen Hambüchen
 schlagen kann. Gestern war kein gu-
 ter Tag. Beim Kolman, einem Salto
 über die Stange samt Drehung, be-
  
 
 kam er das Gerät nicht richtig zu fas-
 sen, rutschte ab und knallte auf den
 Rücken. Aus und vorbei. Der
 Schmerz über die Niederlage saß tie-
 fer als die körperliche Pein.
   Zu diesem Zeitpunkt war Silber
 in deutscher Hand, der Gedanke an
 Gold aber weit weg. Denn Yang Wei
 hätte schon zweimal abstürzen müs-
 sen, so groß war sein Vorsprung.
 Die Zuschauer hielten den Atem an,
 als auch der Titelverteidiger den
 Griff verlor und nach hinten bei-
 nahe über die Matte hinausflog. Es
 blieb der einzige Patzer des Chine-
 sen. Gold ging an Yang Wei (93,675),
 Silber an Hambüchen (92,200) und
 Bronze an Mizutori (91,400).
   Die Turn-Euphorie in Stuttgart
 ist alles andere als abgeflaut. Im Ge-
 genteil: Die Feier konnte nahtlos
 weitergehen. Turn-Präsident Rainer
 Brechtken lief lockeren Schrittes
 durch die Katakomben, die Jacke
  
 
 über die Schulter gehängt, ein Lied-
 chen auf den Lippen. "Besser kann
 es gar nicht laufen", stellte er zufrie-
 den fest. Hambüchen sei Dank.
   Die Tübingerin Marie Hinder-
 mann und Anja Brinker schlugen
 sich am Abend wacker. Beim Sieg
 von Shawn Johnson (USA) erkämpf-
 ten sie sich die Plätze 14 und 18.
 Auch die deutschen Frauen sind zu-
 rück in der Weltelite. Keine Frage.
   Männer-Bundestrainer Andreas
 Hirsch, von Funktionären, Trainer-
 Kollegen und Sportlern einstimmig
 zum "Vater des Erfolges" auserko-
 ren, genoss gestern seine Neben-
 rolle. Wenn Hambüchen auf eigene
 Rechnung turnt, hat Trainer-Vater
 Wolfgang die Regie. Und das, sagt
 Hirsch, sei gut so. "Wir sind mitten
 in unserem Traum", sagte er ges-
 tern. Noch will er nicht aufwachen.
 Am Sonntag ist das Reckfinale.
 Ute Gallbronner
  
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 8. September 2007)