Faszination des Turnens

Die Faszination Turnen hat viele Facetten
 
 Turnen ist Breitensport. Beim
 Landesturnfest in Friedrichs-
 hafen in allen Facetten darge-
 boten. Dabei war Michael
 Weber, der zum Spitzensport
 Kunstturnen eine besondere
 Beziehung hat.
FRIEDRICHSHAFEN Es war 1970, als alles begann, als der dreijäh- rige Michael Weber von seinem Vater mit in die Turnhalle genom- men wurde. So wie Millionen Kin- der in ganz Deutschland. "Seit- dem bin ich eigentlich nie mehr davon weggekommen", erzählt der gelernte Drucker. Gut, ein Fabian Hambüchen ist aus ihm nicht geworden, aber die Verbandsliga-Riege des TV Bünzwangen ist heute noch froh, dass sie ihn hat. Das Seitpferd, für die Männer ein ähnliches Zit- tergerät wie der Schwebebalken für die Damen-Welt, ist seine Spe- zialität. Wenngleich auch der 41-Jährige in dieser Liga-Saison meist strauchelte. Einzige Aus- nahme: Gestern Morgen in Fried- richshafen. "Dieses Mal hab ich's durchgebracht", erzählt er nach den Baden-Württembergi- schen Seniorenmeisterschaften: "Es war toll. Ich hab' wieder Leute getroffen, gegen die ich
 
 vor Jahren schon geturnt habe."
   Das ist es, was ein Landesturn-
 fest ausmacht. Es ist das Treffen
 der  Breitensportler, für manchen
 der Höhepunkt des Jahres. Aber wer
 selbst begeistert Felgumschwung
 und Überschlag übt, muss nicht
 zwangsläufig Fan des Kunstturnens
 sein. Obwohl sich der Dornröschen-
 schlaf dank Superstar Hambüchen
 dem Ende entgegenneigt, bleibt die
 Volkssportart Turnen im Leistungs-
 bereich ein Randsport - so paradox
 es sich auch anhört.
   Weber kann das nicht nachvoll-
 ziehen: "Turnen ist ein faszinieren-
 der Sport, der atemberaubende Bil-
 der liefert. Trotzdem gibt es kaum
 Bücher." Als Drucktechniker und
 Bücherfan war ihm das ein Dorn im
 Auge. Der Entschluss ein eigenes
 Buch zu machen, war gefasst und in
 Turnerkreisen bald Mitstreiter ge-
 funden. Autor ist Andreas Götze, He-
 rausgeber des Fachmagazins Leon,
 auch Fotograf Volker Minkus und
 Andreas Aguilar, Ringe-Weltmeister
 von 1989, waren begeistert. "Mein
 Chef gab mir das Vertrauen und ließ
 mir freie Hand", erzählt Weber, der
 bei der Druckerei Bechtel in Ebers-
 bach/Fils arbeitet.
   Die Sponsorensuche verlief je-
 doch ernüchternd. "Turnen ist eine
 Eintagsfliege. Das lohn sich nicht",
  
 
 bekam Weber zu hören. Trotzdem
 machte das Quartett weiter, und
 "Faszination Turnen" wurde ein se-
 henswerter Bildband. "Die erste Auf-
 lage mit 2000 Exemplaren war im
 Februar weg", erzählt Weber. Jetzt
 ist der Nachdruck erschienen. Die
 starken Auftritte bei der WM, nun
 die Olympischen Spiele, das könnte
 einen neuen Schub geben.
   Auch beim Landesturnfest wurde
 am Stand eifrig bestellt, während
 Weber in der Halle schwitzte. "Es
 war ein toller Wettkampf. Ich hätte
 gar nicht erwartet, dass so viele mit-
 machen und so viele Zuschauer",
 stellte er fest. Turnen ist eben faszi-
 nierend, in allen Facetten.
   "Ich finde es genial, dass ich mit
 16-Jährigen und mit 70-Jährigen zu-
 sammen trainiere", sagt Weber, der
 in Friedrichshafen von seinen Team-
 kollegen betreut wurde. Unter ande-
 rem vom künftigen Ulmer Zweit-
 liga-Turner Bernahrd Sinn. Dessen
 Bruder Alexander wurde Vierter im
 Deutschen Achtkampf, Teamkol-
 lege Roman Kneller Zweiter. Der TV
 Bünzwangen hatte also Grund zum
 Jubeln, wenn auch auf einer ande-
 ren Ebene als Fabian Hambüchen.
 Ute Gallbronner
  
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 7. Juli 2008)