Ergebnisse der Frauen bei den 72. deutschen Meisterschaften

Guter Flug: Bijak verteidigt ihren Titel
 
 Sportarten leben von Gesichtern.
 Das deutsche Frauenturnen hat
 zwei: Daria Bijak und Kim Bui, die
 gestern bei den deutschen Meister-
 schaften in der Stuttgarter Porsche-
 Arena Meisterin und Vizemeisterin
 im Mehrkampf geworden sind.
Die Turnerin Daria Bijak hatte zwei schlaf- lose Nächte hinter sich, als sie zum Sprung antrat. Schuld war aber nicht die Auregung wegen der Deutschen Meisterschaften, die gestern in der Stuttgarter Porsche-Arena ihre Fortsetzung fanden. Schuld war der Jetlag. Erst am Donnerstag war die 20-Jäh- rige aus Salt Lake City eingeflogen. Den- noch wirkte Daria Bijak ausgeschlafen, ver- teidigte souverän ihren Titel als Deutsche Mehrkampfmeisterin. Und morgen fliegt sie zurück in die USA. Ein äußerst erfolgreicher Kurztrip, den die Kölnerin heute (14 Uhr) noch um den einen oder anderen Titel an einem Einzelgerät ergänzen könnte. Daria Bijak, die Meisterin, kam über den großen Ozean geflogen. Kim Bui, die Vize- meisterin, hatte es nicht so weit. Sie konnte die Nacht vor dem Wettkampf sogar im eigenen Bett in Ehningen bei Reutlingen verbringen. In aller Ruhe. Die 17-jährige Turnerin von der TSG Tübingen machte gestern trotzdem eine Flugerfahrung, aller- dings eine unangenehme. Gleich beim ers- ten Gerät, dem Stufenbarren, bekam sie nach dem Jägersalto den Holm nicht mehr zu fassen und landete unsanft auf der Matte. Der Sturz vom Gerät kostete Kim Bui
 
 mindestens 0,8 Punkte, aber nicht den Mehr-
 kampftitel: Auch mit einer perfekten Barren-
 übung hätte sie die 1,4 Punkte Rückstand
 auf Bijak nicht wettmachen können. Die
 Kölnerin hatte am Ende 55,8 Punkte gesam-
 melt, die Tübingerin 54,4.
   Der kleine Lapsus am ersten Gerät
 brachte Kim Bui freilich nicht aus der Ruhe.
 "Ich weiß, dass ich Barren kann, das ist nur
 ein bisschen unglücklich gelaufen", sagte sie
 mit dem Selbstbewusstsein einer Turnerin,
 die sich sicher für die Weltmeisterschaft im
 Oktober in Aarhus/Dänemark qualifiziert
 hat. Kim Bui hatte bereits den ersten Aus-
 scheidungswettkampf vor zwei Wochen ge-
 wonnen, allerdings in Abwesenheit von Da-
 ria Bijak. "Wenn man das Ganze sieht, dann
 bin ich mit meiner Entwicklung im letzten
 Jahr sehr zufrieden", sagt sie. Und wurde
 von der Chef-Bundestrainerin Ulla Koch
 bestätigt: "Am Anfang des Jahres hat sie
 geschwächelt, aber dann hat sie sich super
 entwickelt." Die Gründe für die Steigerung?
 Kim Bui legte kurz die Stirn in Falten und
 antwortete dann: "Ich setze mir ein Ziel und
 darauf arbeite ich hin." Das Ziel in diesem
 Fall heißt Aarhus. Und auch die nächsten
 Fixpunkte sind bekannt: Zunächst die Turn-
 Weltmeisterschaft im September 2007 in
 Stuttgart, dann die Olympischen Spiele
 2008 in Peking. Natürlich.
    Mit wlcher Konsequenz die junge Turne-
 rin ihre Ziele zu verfolgen pflegt, war in der
 Porsche-Arena gut zu besichtigen: Nach
 dem unfreiwilligen Abgang vom Stufenbar-
 ren saß Kim Bui minutenlang auf einer
  
 
 Bank, starrte gegen die Wand und igno-
 rierte völlig, was sonst noch in der Halle
 geschah. Danach war sie hochkonzentriert
 und machte nur noch kleine Fehler. So ist
 die kleine dunkelhaarige Frau, deren Mut-
 ter aus Vietnam und deren Vater aus Laos
 stammt: zielstrebig.
   Neben Bijak und Bui wird die deutsche
 Cheftrainerin in Aarhus auf die drittplat-
 zierte Jenny Brunner (Chemnitz) und die
 viertplatzierte Heike Gunne (Niedergirmes)
 setzen. Bei der WM in Dänemark geht es
 immerhin darum, sich für die Titelkämpfe
 2007 im eigenen Land zu qualifizieren. Wie,
 das ist Ulla Koch anscheinend ziemlich
 unwichtig. "Ob wir 17. oder 24. werden, ist
 mir ganz egal - Hauptsache, wir sind in
 Stuttgart dabei", sagt sie. Sie weiß: Die
 WM in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle im
 kommenden Jahr ohne eine deutsche
 Frauen-Riege wäre ein Super-Gau.
   Andererseits sind die deutschen Turnerin-
 nen weit von der Weltspitze entfernt. Das
 belegte der Wettkampf, den Oksana Chouso-
 vitina in der Porsche-Arena zeigte: 57,05
 Punkte sammelte die Ex-Weltmeisterin aus
 Usbekistan, die mit ihren 31 Jahren außer
 beim Sprung international nicht mehr ganz
 oben mitmischt. Und trotzdem noch eine
 Hoffnungsträgerin für das deutsche Frauen-
 turnen ist: Weil sie schon lange in Köln
 wohnt, hat sie zusammen mit dem Deut-
 schen Turnerbund (DTB) einen Einbürge-
 rungsantrag gestellt - spätestens bei der
 WM in Stuttgart will sie für Deutschland an
 den Start gehen. Jürgen Roos


  
(Auszug: Sonntag Aktuell - Ausgabe vom 3. September 2006)