Ergebnisse der EM in Mailand

Historische Taten in Mailand

Gold, Silber, Bronze - Hambüchen und Fahrig mischen Europa auf
 
 Fabian Hambüchen bleibt der
 Überflieger des deutschen
 Turnens. In Mailand wurde er
 Doppel-Europameister. Was
 das Ganze noch besser macht:
 Der 21-Jährige ist nicht länger
 einsam in der Spitze.

 MAILAND. Doppeltes Gold, aber ein-
 fache Freude - nur bei der National-
 hymne zittern die Mundwinkel
 leicht, dann hatte Perfektionist Fa-
 bian Hambüchen den bislang größ-
 ten Erfolg seiner Karriere emotional
 schon aufgearbeitet. "Ich habe Feh-
 ler gemacht, deshalb fällt es mir ir-
 gendwie schwer, 'Wow' zu sagen",
 bekannte der Mehrkampf-Europa-
 meister und wirkte dabei eher er-
 leichtert als überglücklich.
   Immerhin: Seine 13. internatio-
 nale Medaille wollte er schon "recht
 weit oben ansiedeln", obwohl ihn
 die historischen Dimensionen kalt
 ließen: "Damit kann ich nicht so
 viel anfangen." Nur die Statistiker re-
 gistrieren, dass es das erste Mehr-
 kampf-Gold eines deutschen Kunst-
 turners seit dem Olympiasieg von
 Alfred Schwarzmann 1936 war.
 
   Mit 0,9 Punkten Vorsprung ge-
 wann Hambüchen in Mailand vor
 dem Breiten Daniel Keatings. Dabei
 vollbrachte er auch eintaktisches
 Meisterstück. Nach seinem Abstei-
 ger am Barren reduzierte der Reck-
 Weltmeitster an seinem Lieblings-
 Gerät, das ihn in der Qualifikation
 abgeworfen hatte, die Schwierigkei-
 ten und ließ den Kolman-Salto weg.
 Es fruchtete: Hambüchen blieb an
 der Stange und brachte seinen Vor-
 sprung mit einer Sicherheitsübung
 am verhassten Seitpferd letztlich
 routiniert nach Hause.
   Seinem großen Zeil, nicht nur als
 Reck-Spezialist, sondern als kom-
 pletter Mehrkämpfer wahrgenom-
 men zu werden, ist Hamübchen ein
 Stück näher gekommen. "Schon
 deshalb müsste man diesen Sieg fei-
 ern, als wäre es der Letzte", forderte
 Vater Wolfgang. Doch die Wirklich-
 keit sah anders aus: Nach italieni-
 schen Antipasti, Rinderfilet und Ti-
 ramisu zog sich der Champion,
 händchenhaltend mit Freundin Vik-
 toria, schnell zurück und bereitete
 sich auf den zweiten Finaltag vor.
   Jemand, der ohne Hambüchen
 
  zweifellos der große Star des deut-
 schen Kunstturnens wäre, geriet
 tortz eines glänzenden vierten Plat-
 zes erneut zur Randfigur: Philipp
 Boy, der nie am Sieg seines Teamkol-
 legen gezweifelt hatte ("Das ist
 eben Fabi, der macht sein Zeug"),
 präsentierte sich an fünf Geräten
 bravourös. Ein verpatzter Sprung be-
 raubte den Cottbuser aber der
 Chance, Juri Riasanow aus Russ-
 land vielleicht noch die Bronzeme-
 daille wegzuschnappen.
   Auch das ein Indiz für das neue
 deutsche Turn-Wunder, das sich
 mit starken Leistungen bei den Ju-
 nioren angedeutet hatte. Hambü-
 chen und Boy sind nicht die einzi-
 gen, die an die Spitze streben.
   Der Beweis wurde gestern im Bo-
 denfinale geführt. Dort ließ Hambü-
 chen sein zweites Gold folgen. Sein
 größter Konkurrent: Matthias Fah-
 rig aus Halle. Die beiden vollbrach-
 ten erneut Historisches. Es war der
 erste deutsche Doppel-Triumph an
 diesem Gerät, der erste bei europäi-
 schen Titelkämpfen überhaupt.
 "Ich wusste, dass es ganz eng wird,
 dass ich alles rausholen muss", be-
   
 
 schreib Hambüchen mit drasti-
 schen Worten: "Es war ein Riesen-
 Duell, in dem es hieß: Er oder ich."
   Fahrig wird nachgesagt, dass er
 über ähnliches Talent wie Hambü-
 chen verfügt, nicht aber über des-
 sen eiserne Disziplin. Langsam
 kommt er dorthin zurück, wo er
 war, ehe er vor zwei Jahren aus dis-
 ziplinarischen Gründen aus dem Ka-
 der geflogen war. Mit Silber konnte
 der 23-Jährige prima leben: "Besser
 konnte es für mich kaum laufen."
 Und die beiden Herren hatten noch
 nicht genug: Fahrig legte Bronze am
 Sprung nach, Hambüchen am Bar-
 ren, und Anja Brinker vollendete
 am Stufenbarren die beste deutsche
 EM-Bilanz aller Zeiten.
   Trotz des großen Jubels war Ham-
 büchen klar, dass die Leistungen
 zwar in Europa genügen, nicht aber
 gegen die Konkurrenz aus Asien
 und den USA. "Bei der WM würde
 das nicht reichen. Ich muss noch
 viel tun bis zum Oktober. Zwei Feh-
 ler in einem Sechskampf sind bei ei-
 ner WM definitiv zu viel".  sid/dpa
 
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 6. April 2009)