Eleganz oder Akrobatik... was setzt sich durch?

Eleganz hat ihren Preis
 
 Eleganz oder Akrobatik - was
 setzt sich durch im Frauen-
 Turnen? "Es ist die Kunst des
 Trainers, beides in Einklang
 zu bringen", sagt die Stuttgar-
 terin Tamara Khoklova.
STUTTGART. Mit ihren 1,70 Me- tern gehört Marie Hindermann zu den größten Frauen, die heute (19 Uhr) im WM-Mehrkampffinale an- treten. "Ihre Bewegungen haben eine große Amplitude. Deshalb sieht das sehr attraktiv aus", sagt Trainerin Tamara Khoklova, die ges- tern schon ziemlich aufgeregt war: "An so etwas kann man sich nicht gewöhnen. Aber ich zeige es Marie natürlich nicht. Das darf ich nicht." Größe ist jedoch relativ, vor allem bei Turnerinnen. Was die Akrobatik angeht, müssen sich Trainerin und Athletin einschränken. Weil am Stu- fenbarren die Holme höchstens 1,80 Meter auseinaner sein dür- fen, sind für sie gestreckte Flüge zwi- schen den Stangen, wie sie die Chi- nesinnen in Vollendung zeigen, un- möglich. Zu den Weltbesten gehört sie trotzdem, ist nicht umsonst ins Finale eingezogen. Sorgen macht Tamara Khoklova die Entwicklung an Boden und Bal- ken, wo die Turnerinnen mit schwe- ren Sprüngen die A-Note hoch schrauben. Gymnastik-Elemente sind weniger gefragt. "Ich bin Ver- fechterin von Eleganz und Schön- heit. Dass wir am Boden sechs Akro- batikbahnen machen müssen, be- trachte ich mit Unbehagen", meint auch Cheftrainerin Ulla Koch. Dadurch sind die Beine größeren Belastungen ausgesetzt, was ein 39- Kilo-Floh wie Anja Brinker natür- lich weniger spürt als Marie Hinder- mann. Ein halbes Jahr konnte sie we- gen eines Überlastungssyndroms nicht voll trainieren. "Auf dem Bal- ken ist sie drei Monate gar nicht ge- wesen", sagt Tamara Khoklova. Die zwei Absteiger in der Qualifikation sind unter diesen Voraussetzungen kein Wunder, zumal Größe auch hier von Nachteil ist. Wer höher steht, fällt leichter - so wollen es die Naturgesetze. uwe
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 7. September 2006)