Ergebnisse der Deutschen Meisterschaften in Stuttgart

Deutsche Meisterschaften in Stuttgart
Der alte Mann und
die jungen Wilden
 
 Fabian Hambüchen hat wie-
 der geglänzt. Er gewann bei
 den deutschen Meisterschf-
 ten Mehrkampf, Reck und Bo-
 den. Auch Thomas Andergas-
 sen holte drei Titel.
STUTTGART. Fabian Hambüchen ist gerade mal 18 Jahre alt. Soeben hat für den Hessen das Schuljahr be- gonnen, in dem er Abitur machen will. Danach lockt im September 2007 die Heim-WM in Stuttgart und natürlich Peking 2008. Eine Menge Holz, das Hambüchen zielstrebig abzuarbeiten gedenkt. Die anste- hende WM in Aarhus ist da nur Zwi- schenstation. Immer weiter feilt er an den Schwierigkeiten seiner Übungen, aber bei deutschen Titel- kämpfen will er sich natürlich die Butter nicht vom Brot nehmen las- sen. Trotz seiner jungen Jahre ist er der Gejagte, derjenige, an dessen Thron sie kratzen wollen. Philipp Boy hat das bei der ersten WM-Qualifikation getan, und auch in Stuttgart lieferten die beiden ei- nen spannenden Zweikampf. Der junge Wilde gegen den etablierten Star - wobei der Cottbuser drei Mo- nate älter ist als Hambüchen. Aber so ist das nun mal: Wer einmal Er- folg hatte, der muss ihn immer wie- der bestätigen. Der Reck-Spezialist hat es getan, und sich an seinem Spezialgerät letztlich den Mehr- kampftitel gesichert (89,150 Punkte). Dabei musste er gar nicht sein gesamtes Repertoire abrufen, denn Boy landete auf dem Bauch und wurde Dritter (86,550) hinter dem soliden Sechskämpfer Eugen Spiridonow (Bous/87,100). Boy ließ den Kopf hängen. Er hatte den großen Coup verpasst. Cheftrainer Andreas Hirsch sah es anders: "Das ist das beste, was uns passieren konnte. Sonst hätte er hier schon total im Mittelpunkt ge- standen", meinte er augenzwin- kernd: "Es war nicht zu erwarten,
 
 dass Boy noch einmal so einen per-
 fekten Wettkampf hinlegt wie bei
 der ersten WM-Qualifikation. Er
 muss mit dem Erfolgsdruck umge-
 hen lernen. Fabian hat es vorge-
 macht. Er kann seine Kraft unter
 Druck regulieren."
   Fünf der sechs Starter für die WM
 hat Hirsch bereits nomiert: Ham-
 büchen, Boy, Spiridonow, den Mehr-
 kampf-Vierten Robert Juckel und
 den Stuttgarter Thomas Andergas-
 sen. Die Gerätefinals unterstrichen
 nochmals, was die deutsche Riege
 an dem 26-jährigen "alten Mann"
 hat, der aus gesundheitlichen Grün-
 den weder Sprung noch Boden
 turnt. Er holte sich gestern die Titel
 an Barren, Ringen und Seitpferd. Ge-
 rade am Zittergerät der Nation legte
 Andergassen mit 15,075 Punkten
 eine Übung hin, die man getrost als
 weltklasse bezeichnen durfte.
   "Er ist unerlässlich für das Team,
 vor allem weil er dort stark ist, wo
 Philipp Boy noch Schwächen hat",
 deutete Hirsch schon einmal eine
 mögliche Einsatz-Variante an. Der
 Sponsor Erima hat gestern den Ver-
 trag mit dem deutschen Turner-
 Bund bis ins Jahr 2010 verlängert.
 Ein Zeichen für die Zukunft, und an
 die denkt auch der Bundestrainer:
 "Wir wollen eine Einzel-Medaille
 und wir wollen ins Teamfinale. Das
 gilt für Aarhus und die kommenden
 Jahre."
   Denn der starke Jahrgang 1987
 hat noch mehr zu bieten als Hambü-
 chen und Boy. Da ist beispielsweise
 Marcel Nguyen, der aus dem Turn-
 Niemandsland Bayern kommt und
 in Stuttgart bei Klaus Nigl trainiert.
 Er hat nicht nur eine spektakuläre
 Barren-Übung auf Lager, aber es
 fehlt noch an Konstanz. Wie auch
 bei Trainingskollege Thomas Ta-
 ranu. Die Nachwuchsarbeit, die der
 DTB mit der Gründung von Turn-Ta-
 lentschulen noch ausbauen will, be-
 ginnt sich auszuzahlen - im Sog von
 Fabian Hambüchen.
  
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 4. September 2006)