Das Gold-Märchen wird wahr

Fabian Hambüchen ist Reck-Weltmeister
Gold-Märchen wird wahr

Die Konkurrenz ist chancenlos
 
 Fabian Hambüchen hat wahr
 gemacht, was der deutsche
 Cheftrainer Andreas Hirsch
 erträumt hatte: Er hat das
 Tüpfelchen aufs "i" gesetzt.
 Fabian Habmüchen ist Reck-
 Weltmeister, der König die-
 ser Turn-Titelkämpfe von
 Stuttgart. Zumindest für die
 deutschen Fans.
STUTTGART "Ich hab's geschafft", brüllte Fabian Hambüchen ins weite Rund der Schleyerhalle. In die- sem Schrei, der im Jubel-Rausch völ- lig unterging, steckte die ganze An- spannung der vergangenen Tage und Wochen. Mit einer perfekten Übung am Reck hatte sich der 19-Jährige im letzten Finale den Sieg am Reck gesichert und damit für einen goldenen Abschluss die- ser ohnehin schon glanzvollen Welt- meisterschaften von Stuttgart ge- sorgt. "Das war ein Knaller. Es ist ein absolut schönes Gefühl. Die ganze WM war ein Traum für mich", sagte Hambüchen.
 
   Das Sprungfinale war für ihn nur
 zum Warmmachen gewesen. Von
 vorneherein hatte er sich nichts aus-
 gerechnet. Die Konkurrenz, allen vo-
 ran der Pole Leszek Blanik, gab sich
 keine Blöße. Hambüchen wurde
 letztlich Sechster. Er nahm es zur
 Kenntnis und verschwand in den Ka-
 takomben.
   Während im Bodenfinale der
 Frauen die Show von Shawn Johson
 und den anderen amerikanischen
 Mädchen weiterging, konzentrierte
 sich Hambüchen hinter der Tribüne
 auf den Auftritt, dem er am meisten
 entgegengefiebert hatte. Der Blick
 starr, rote Flecken auf den Backen,
 stand er da. Dehnte ein bisschen,
 kreiste mit den Schultern. Dann der
 Einmarsch. Kein Lächeln fürs Publi-
 kum, das ihn frenetisch begrüßte,
 kein Auge für kreischende Mädchen
 mit roten Papp-Herzen. Nur ein kur-
 zes Winken ohne jegliche Regung.
 Konzentration pur, so wie ihn diese
 WM in der vergangenen Woche er-
 lebt hatte.
   Am Samstag war Hambüchen
 nicht in der Halle gewesen, hatte
 nur "ein bisschen pille-palle" ge-
 macht, sich ansonsten entspannt
 und im Geiste auf den finalen Auf-
 tritt vorbereitet. Auf Bronze mit
 dem Team, Silber im Mehrkampf
 sollte Gold folgen. Das war sein Ziel,
 das war sein Traum. Cheftrainer An-
 dreas Hirsch hatte ihm am Vormit-
 tag alles Gute gewünscht. Sollte es
 nicht klappen - niemand würde
 auch nur den Hauch an Kritik üben,
 angesichts des bereits Vollbrachten.
   Der Slowene Aljaz Pegan musste
 als erster der Favoriten ran. Er
 turnte durch, ebenso wie der Japa-
 ner Hisashi Mizutori. Aber Hiroyuki
 Tomita griff daneben. Zum dritten
 Mal bei dieser WM. Dann kam Fa-
 bian Hambüchen. "Eine Sicherheits-
 übung kommt gar nicht in Frage.
 Die kann ich gar nicht mehr", hatte
 er bereits im Vorfeld gesagt.
   Konzentration. Stille in der Halle
 Kolman zu Beginn, der Salto mit
 Schraube über die Stange. "Häng"
 brüllt das Publikum. Hambüchen
 hängt, ebenso wie bei den folge-
 den vier Fliegern. Nach der Riesen-
    
 
  
 felge holt er Schwung für den ge-              chen gestern nach seinem Tri-
 streckten Doppelsalto mit Doppel-            umph, aber nicht richtig gelöst. Wer
 schraube. "Steh" schallt es ihm aus          monate-, ja jahrelang eiserne Dis-
 8000 Kehlen entgegen, und er steht          ziplin und tagelang volle Konzentr-
 wie ein Baum. Kaum reckt Hambü-             ation an den Tag legen musste, kann
 chen die Fäuste in die Luft, verwan-          den Schalter eben nicht einfach um-
 delt sich die Halle in ein Fahnen-                legen, hüpfen, jubeln, tanzen.
 meer. Denn am Titel gab es keinen             Wenngleich ihn selbst die Erwar-
 Zweifel: Fabian Hambüchen ist der             tungshaltung von außen gar nicht
 beste Reckturner der Welt, und                   gestört hat: "Ich hab keinen Druck
 zwar mit deutlichem Abstand.                      verspürt. Ich will doch dasselbe wie
 16,250 Punkte gegenüber 15,825                  die Fans." Als sei das das Einfachste
 des zweitplatzierten Aljaz Pegan.                 der Welt für einen 19-Jährigen...
 Das sind Welten.                                            Ute Gallbronner
   Überglücklich wirkte Hambü-
  
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 10. September 2007)