Chinesen räumen ab...

Marie-Sohpie Hindermann bekommt am meisten Beifall, die Medaillen holen andere
Das chinesische Turn-Feuerwerk
 
 Stuttgart. Bei der Turn-WM brennen
 die Chinesen ein Feuerwerk ab und
 gewinnen drei Goldmedaillen. Den
 größten Beifall aber bekommt die Tü-
 bingerin Marie-Sophie Hindermann.
Während Marie-Sophie Hindermann in den Katakomben der Schleyerhalle Interviews gab, lief draußen bei der Siegerehrung die chinesische Nationalhymne. Was sonst? Die Gerätekünstler aus China gewannen gestern bei der Turn-WM drei der fünf Gerätefinals und zeigten damit, dass sie gut für die Olympischen Spiele 2008 in ihrer Heimat- stadt Peking vorbereitet sind. Der vorletzte WM-Tag war nicht ganz unerwartet zu einem weiteren Peking-Tag geworden. Qin
 
 Xiao (Pauschenpferd), Chen Yibing (Ringe)
 und Fei Cheng (Sprung der Frauen) vertei-
 digten allesamt ihre Titel von der WM 2006
 in Aarhus. Am Boden holte sich der Brasilia-
 ner Diego Hypolito seinen Titel von 2005
 zurück, und am Stufenbarren feierte die
 erst 14-jährige Ksenia Semenova (Russland)
 den ersten großen Erfolg ihrer Karriere.
 Insgesamt verteilten sich die Medaillen auf
 Athleten aus elf Nationen.
   Dass es keine chinesische Monokultur gab
 in der Schleyerhalle, dafür sorgten auch die
 deutschen Turnerinnen Oksana Chusovitina
 (Köln) und Marie-Sophie Hindermann (Tü-
 bingen), die die Gerätefinals am Sprung
 und Stufenbarren erreicht hatten. Den größ-
 ten Jubel erntete die 16-jährige Tübingerin,
 
 
 die für ihre Klassekür am Stufenbarren
 15,875 Punkte erhielt und Fünfte wurde.
 "Das war der Höhepunkt für mich", sagte
 Marie-Sophie Hindermann, "aber zur Welt-
 spitze ist schon noch ein Abstand." Eine
 Medaille hatte niemand erwartet von der
 Gymnasiastin, aber im Hinblick auf Olympia
 war es wohl nicht schlecht, dass sie schon
 mal auf sich aufmerksam gemacht hat.
   Im ganzen Trubel vor und während ihrer
 Übung hatte die Turnerin erst gar nichts
 und dann nur den üblichen Anfeuerungsruf
 ihrer Mutter ("Auf geht's, Tiger!") gehört.
 Dass die Regie während ihrer Übung den
 Song "Eye of the tiger" einspielte, ging
 dagegen komplett an ihr vorbei. "Erst nach
 dem Abgang habe ich dann so richtig mitbe-
 
 
 kommen, wie viel da in der Halle los war",
 sagte Marie-Sophie Hindermann, "sehr auf-
 regend." Morgen sind Weltmeisterschaften
 und Ferien vorbei - und sie muss wieder in
 die Schule.
   Nach dem ersten Finale mit deutscher
 Beteiligung hatte es Tränen gegeben: Ok-
 sana Chusovitina (Köln) verpatzte gleich
 ihren ersten Sprung so, dass sie keine
 Chance mehr im Kampf um die Medaillen
 hatte. "Das ist nicht meine WM", sagte die
 geborene Usbekin, die vor einem Jahr in
 Deutschland eingebürgert worden ist.
 Schon seit Wochen hat die 32-jährige Rü-
 ckenprobleme, wegen Blockierungen im un-
 teren Wirbelbereich hatte sie eine Woche
 vor der Anreise nach Stuttgart nicht mal
  
 
 richtig gehen können. Sie wurde gespitzt,
 dennoch verhärtete sich die Rückenmuskula-
 tur so, dass sie sich nicht optimal vorberei-
 ten konnte. "Im Rücken zieht es noch",
 sagte die unglückliche Kölnerin, die vergan-
 genes Jahr in Aarhus noch Sprung-Bronze
 geholt hatte.
   Eine Ausrede war das nicht. "Sie ist so
 ehrgeizig", sagte Shanna Poljakowa, die
 Trainerin der Kölnerin, "wahrscheinlich war
 sie ein bisschen übermotiviert und deshalb
 zu schnell beim Anlauf." Die 32-Jährige
 kann sich nun erst mal auskurieren und sich
 dann auf Peking 2008 vorbereiten - die
 fünften Olympischen Spiele sind ihr großes
 Ziel.
 Jürgen Roos
  
(Auszug: Sonntag Aktuell - Ausgabe vom 9. September 2007)