Bronze für die deutschen Männer im Mannschaftsfinale

Deutsche Männer holen in Stuttgart Bronze
"Nein, ich glaub' das nicht"

Thomas Andergassen fassungslos - China erneut Weltmeister vor Japan
 
 WM-Bronze für die deut-
 schen Turner: Mit 273,525
 Punkten in einem hochspan-
 nenden Wettkampf wurden
 sie hinter China (281,00) und
 Japan (277,025) Dritte.
STUTTGART Es war der größte Er- folg seit dem dritten Rang in India- napolis 1991. "Ich kann das nicht glauben. Nein, ich glaub das nicht", sagte Thomas Andergassen vor sich hin. Kopfschüttelnd schlüfte er aus der Halle, schüttelte wie in Trance Hände: "Dass ich das noch miterle- ben darf." Robert Juckel konnte sich ob der totalen Fassungslosigkeit sei- nes Stuttgarter Trainingskollegen ein Grinsen nicht verkneifen, war aber selbst überwältigt: "Wir haben den dritten Platz gemacht. Wir sind einfach 'ne geile Truppe mit 'nem geilen Trainer." Andreas Hirsch
 
 hatte die Aufstellung und die Taktik
 gewählt. Und die hieß: Sicherheit
 vor Risiko. Sie wurde belohnt.
   Der einzige Patzer passierte am
 Reck. Philipp Boy zauberte seine
 Griffkombinationen scheinbar mü-
 helos an die Stange, fast sah es aus,
 als tanze er über das Gerät. Doch
 der Tanz endete jäh: Der Berliner
 strauchelte beim Abgang und griff
 auf den Boden. Konsterniert schlich
 er weg, wohlwissend, dass jetzt der
 Traum geplatzt sein könnte. Juckel
 war der nächste. Er turnte fehlerlos.
 "Ich hab' Philipps Übung nicht gese-
 hen, nur mich und das Reck", sagte
 der 25-Jährige. Als anschließend Fa-
 bian Hambüchen seine schwere
 Übung hinzauberte, kreischten die
 Fans. Die Medaille war nahe, nach
 diesem, dem vorletzten Gerät.
   Am Seitpferd und an den Ringen
 hatten sich die Deutschen zuvor
  
 
 kleine Unsicherheiten geleistet, ein
 Nachdrücken hier, ein Wackler da.
 An Sprung und Barren wurden die
 Wertungen höher, Stück für Stück ar-
 beiteten sie sich nach vorn. Zum
 Schluss der Boden. Die Chinesen
 waren enteilt, Japan auch. Aber die
 Russen konnten ihre Verletzungen
 nicht kompensieren und die Ameri-
 kaner gaben die Medaille am Reck
 aus der Hand. Ausgerechnet Alexan-
 der Artemev, dessen Vater 1989 in
 Stuttgart Barren-Weltmeister gewor-
 den war, landete auf dem Bauch, Da-
 vid Durante ebenfalls. "Das ist das
 Spiel", sagte er: "Wir haben es verlo-
 ren, die Deutschen gewonnen."
   Blieben die Südkoreaner, doch
 die verließ die Kraft an den Ringen.
 Die Deutschen mussten am Boden
 nur noch durchkommen. Eugen Spi-
 ridonow erwies sich einmal mehr
 als die Sicherheit in Person. Als er
 
 
 Kusshändchen ins Publikum warf,
 jubelten auch die Kollegen am Mat-
 tenrand. Eine kurze Umarmung mit
 Marcel Nguyen, dann lieferte der
 19-Jährige seine Übung ab. Eben-
 falls passgenau. "Als ich fertig war,
 hab' ich gedacht, jetzt kommt so-
 wieso noch Fabi. Da hab' ich mir
 keine Sorgen mehr gemacht", sagte
 der schmächtige Bayer. Und Ham-
 büchen tat das, was er bei dieser
 WM bisher immer getan hat: Er
 turnte, machte keine Fehler, dann
 ballte er die Faust, trug seine Schüs-
 sel mit dem Magnesia-Pulver davon
 und ließ sich in die Arme der strah-
 lenden Freunde fallen. Da wäre An-
 dergassen nach eigenem Bekunden
 "beinahe gestorben". Dass es zu sei-
 nen Ehren in Stuttgart einmal ein
 Hupkonzert geben würde. Das wie-
 derum konnte der Sportsoldat erst
 recht nicht glauben.  Ute Gallbronner
  
(Auszug: Südwestpresse Tageszeitung - Ausgabe vom 7. September 2007)